Büroplanung · Arbeitsmodelle

Mitbestimmung bei Umbau, Umzug und Desk Sharing

Fünf Vorschriften kommen infrage, und die am häufigsten übersehene ist zugleich die, die am häufigsten greift. Hier steht, welche wann – und was in die Vereinbarung gehört.

Matrix mit fünf typischen Maßnahmen in den Zeilen und fünf Paragrafen des Betriebsverfassungsgesetzes in den Spalten. Markiert ist, welcher Paragraf bei welcher Maßnahme greift: Umbau löst Paragraf 90 aus, Belegungssensorik Paragraf 87 Absatz 1 Nummer 6, eine Clean-Desk-Regel Paragraf 87 Absatz 1 Nummer 1.
Abbildung 1: Die Häufigkeit ist umgekehrt zur Bekanntheit. § 87 Absatz 1 Nummer 1 wird am seltensten genannt und am häufigsten übersehen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Fünf Vorschriften sind bei Büroprojekten einschlägig: § 90 (Unterrichtung und Beratung), § 91 (Mitbestimmung bei Belastung), § 87 Absatz 1 Nummer 1 (Ordnungsverhalten), § 87 Absatz 1 Nummer 6 (technische Überwachung) und §§ 111 ff. (Betriebsänderung).
  • § 90 greift fast immer, sobald Arbeitsplätze geplant oder verändert werden – und zwar rechtzeitig, also so früh, dass Vorschläge noch berücksichtigt werden können.
  • § 87 Absatz 1 Nummer 1 ist der am häufigsten übersehene: Regeln zum Ordnungsverhalten – Clean Desk, Platzbelegungsregeln, Nutzungsordnungen – sind echt mitbestimmungspflichtig.
  • Die Abgrenzung dabei: Ordnungsverhalten (wie man sich im Betrieb verhält) ist mitbestimmungspflichtig, Arbeitsverhalten (wie die Arbeit auszuführen ist) nicht.
  • § 87 Absatz 1 Nummer 6 greift bei technischen Einrichtungen, die objektiv geeignet sind, Verhalten oder Leistung zu überwachen – auf die Absicht kommt es nicht an. Buchungssysteme und Sensorik fallen darunter.
  • § 91 ist die Ausnahme: echtes Mitbestimmungsrecht nur bei offensichtlichem Widerspruch zu gesicherten arbeitswissenschaftlichen Erkenntnissen.
  • Der Unterschied zwischen Beratung und Mitbestimmung ist praktisch entscheidend: Beratung heißt, Argumente müssen gehört werden – nicht, dass man sich einigen muss.
  • Eine Betriebsvereinbarung zu Desk Sharing sollte acht Punkte regeln, von der Quote über die Datenverwendung bis zur Überprüfungsklausel.
Grundlage

Die fünf einschlägigen Vorschriften

Bei Büro-, Umbau- und Arbeitsmodellprojekten kommen fünf Vorschriften des Betriebsverfassungsgesetzes in Betracht. Sie unterscheiden sich darin, wie weit die Beteiligung geht – und diese Unterscheidung entscheidet über den Zeitbedarf.

Stand August 2026. Die Zuordnung im Einzelfall hängt vom Sachverhalt ab und ersetzt keine rechtliche Prüfung.
VorschriftWas sie gibtWer entscheidet am EndeWann sie greift
§ 90 BetrVGUnterrichtung und BeratungArbeitgeberPlanung von Bauten, Arbeitsverfahren, Arbeitsplätzen
§ 91 BetrVGEchte Mitbestimmungbeide, notfalls EinigungsstelleBei offensichtlichem Widerspruch zu gesicherten Erkenntnissen
§ 87 I Nr. 1Echte Mitbestimmungbeide, notfalls EinigungsstelleOrdnung des Betriebs und Verhalten der Beschäftigten
§ 87 I Nr. 6Echte Mitbestimmungbeide, notfalls EinigungsstelleTechnische Einrichtungen zur Verhaltens- oder Leistungskontrolle
§§ 111–112Interessenausgleich, Sozialplanbeide, notfalls EinigungsstelleBetriebsänderung mit wesentlichen Nachteilen

Der praktische Unterschied zwischen Zeile eins und den übrigen ist erheblich. Bei § 90 muss der Arbeitgeber informieren und beraten – er kann danach entscheiden. Bei den übrigen Zeilen geht ohne Einigung nichts; im Streit entscheidet die Einigungsstelle, und das dauert Monate.

Der übersehene

§ 87 Absatz 1 Nummer 1: Ordnungsverhalten

Diese Vorschrift wird in Büroprojekten am häufigsten übersehen, obwohl sie am häufigsten greift. Sie gibt dem Betriebsrat ein echtes Mitbestimmungsrecht bei „Fragen der Ordnung des Betriebs und des Verhaltens der Arbeitnehmer im Betrieb“.

Die entscheidende Abgrenzung ist die zwischen Ordnungsverhalten und Arbeitsverhalten:

Ordnungsverhalten – mitbestimmungspflichtig
Regeln, die das Zusammenleben im Betrieb betreffen, ohne unmittelbar die Arbeitsleistung zu steuern. Beispiele aus dem Bürokontext: eine Clean-Desk-Regel, Regeln zur Nutzung geteilter Arbeitsplätze, eine Ordnung für Besprechungsräume, Vorgaben zu Essen am Platz.
Arbeitsverhalten – nicht mitbestimmungspflichtig
Weisungen, wie die geschuldete Arbeit auszuführen ist. Die Anweisung, einen bestimmten Vorgang zuerst zu bearbeiten, ist Arbeitsverhalten. Die Anweisung, den Schreibtisch abends leer zu räumen, ist es nicht.

Die Grenze ist im Einzelfall nicht immer eindeutig, und die Rechtsprechung legt den Begriff des Ordnungsverhaltens eher weit aus. Für die Praxis folgt daraus eine einfache Regel: Wenn eine Regel aufgeschrieben und für alle verbindlich gemacht wird, gehört der Betriebsrat dazu. Das kostet zwei bis vier Wochen und erspart die Diskussion darüber, ob die Regel überhaupt wirksam ist.

Warum das praktisch wichtig ist

Eine ohne Beteiligung eingeführte Regel zum Ordnungsverhalten ist im Zweifel unwirksam. Das fällt nicht bei der Einführung auf, sondern beim ersten Konflikt – wenn jemand sich nicht daran hält und die Regel nicht durchsetzbar ist. Dann steht nicht nur die Regel in Frage, sondern auch die Autorität derer, die sie eingeführt haben.

Der teure

§ 87 Absatz 1 Nummer 6: technische Überwachung

Diese Vorschrift greift bei der Einführung und Anwendung technischer Einrichtungen, die dazu bestimmt sind, Verhalten oder Leistung der Beschäftigten zu überwachen. Der Begriff „bestimmt“ wird von der Rechtsprechung weit ausgelegt: Es genügt, dass die Einrichtung objektiv geeignet ist. Auf die Absicht des Arbeitgebers kommt es nicht an.

Im Bürokontext fallen darunter:

  • Buchungssysteme für Arbeitsplätze. Sie erzeugen Daten darüber, wer wann wo war – daraus lässt sich Anwesenheit rekonstruieren, unabhängig davon, ob das gewollt ist.
  • Belegungssensorik. Auch wenn Sensoren technisch keine Person erkennen: In Verbindung mit dem Sitzplan ist der Bezug herstellbar.
  • Zutritts- und Badge-Systeme, sobald sie für Auslastungsauswertungen genutzt werden. Die Zweckänderung ist hier der kritische Punkt.
  • WLAN-Auswertungen zur Belegungsmessung.
  • Check-in-Systeme für Besprechungsräume, etwa Tablets an der Tür.

Nicht darunter fällt eine manuelle Stichprobenzählung, die nur Summen je Etage erfasst – sie ist keine technische Einrichtung. Das ist einer der Gründe, warum die manuelle Messung für eine erste Auslastungserhebung praktikabler ist, als sie klingt; die Methoden im Vergleich stehen unter Büroauslastung messen.

Was in die Vereinbarung gehört

Bei technischen Systemen hat sich ein Satz von Punkten bewährt, der die Zustimmung wahrscheinlich macht, ohne den Nutzen zu zerstören: eine klare Zweckbindung (wofür die Daten verwendet werden dürfen), eine Aggregationsstufe (keine Auswertung unterhalb von Gruppen einer Mindestgröße), Löschfristen, ein ausdrückliches Auswertungsverbot auf Personenebene und ein Einsichtsrecht des Betriebsrats in die tatsächlichen Auswertungen.

Praxis

Was in eine Betriebsvereinbarung zu Desk Sharing gehört

Acht Punkte, die sich in solchen Vereinbarungen bewährt haben. Die Reihenfolge ist bewusst so gewählt, dass die strittigen Punkte nicht am Anfang stehen. Wer den ausformulierten Wortlaut sucht: Unter Betriebsvereinbarung Desk Sharing stehen zwölf Paragrafen als Mustertext, jeweils mit Kommentar und Rechtsgrundlage.

  1. Geltungsbereich und Zweck. Welche Bereiche, welche Flächen, ab wann – und warum. Der Zweck gehört benannt, weil jede spätere Auslegung darauf zurückgreift.
  2. Quote je Bereich mit dem Rechenweg, nicht nur mit dem Ergebnis. Eine nachvollziehbare Herleitung nimmt der Zahl den Charakter einer Setzung.
  3. Homezones und Zuordnung. Welches Team hat welche Fläche, wie viele Plätze, und was passiert bei Überbelegung.
  4. Ausstattung und Stauraum. Ein abschließbarer Spind je Person, einheitliche Peripherie, Regelungen für persönliche Hilfsmittel.
  5. Buchungssystem, falls vorhanden: Zweckbindung, welche Daten, wie lange, wer sieht was, Auswertungsverbot auf Personenebene.
  6. Spielregeln – Clean Desk, Umgang mit Nichterscheinen, Reservierungszeiten. Das ist der Teil, der unter § 87 Absatz 1 Nummer 1 fällt.
  7. Ausnahmen. Gesundheitliche Erfordernisse, Schwerbehinderung, Hilfsmittelbedarf, Funktionen mit gebundenem Arbeitsplatz. Ohne benannte Ausnahmen wird jeder Einzelfall zum Konflikt.
  8. Überprüfung und Laufzeit. Ein fester Termin nach sechs Monaten, an dem die Quote anhand echter Daten überprüft wird, und eine Kündigungsregelung.

Der achte Punkt ist der, der Zustimmung am wahrscheinlichsten macht. Eine Vereinbarung mit eingebauter Überprüfung ist leichter zu unterschreiben als eine, die dauerhaft gelten soll – weil beide Seiten wissen, dass die erste Quote auf einer Annahme beruht. Das Vorgehen beim Nachjustieren steht unter Desk-Sharing-Quote berechnen.

Vorgehen

Wann der Betriebsrat wo einsteigt

Die häufigste Ursache für gestoppte Projekte ist nicht Ablehnung, sondern zu späte Beteiligung. Ein Zeitplan, der funktioniert:

Realistischer Zeitbedarf für die Verhandlungsphase: sechs bis zwölf Wochen. Bei gestoppten Projekten liegt der Grund fast immer darin, dass die ersten beiden Zeilen übersprungen wurden.
ProjektphaseBeteiligungVorschrift
Vorüberlegung, DatenerhebungInformation über das Vorhaben und die Messmethode§ 90, bei technischer Messung § 87 I Nr. 6
KonzeptentwurfBeratung über Flächenkonzept und Quote§ 90
Spielregeln formulierenVerhandlung§ 87 I Nr. 1
Systemauswahl BuchungVerhandlung§ 87 I Nr. 6
UmsetzungBegleitung, Klärung von Einzelfällen
Nach 6 Monatengemeinsame Überprüfungaus der Vereinbarung

Ein Punkt, der selten ausgesprochen wird: Die frühe Beteiligung ist nicht nur rechtlich geboten, sie ist auch inhaltlich nützlich. Der Betriebsrat kennt die Bereiche, in denen ein Konzept scheitern wird, oft besser als die Planung – weil er die Beschwerden bekommt. Diese Information vorher zu haben ist mehr wert als die Zeit, die die Beteiligung kostet.

Pflichthinweis

Dieser Text gibt den Stand vom August 2026 wieder und ersetzt keine Rechtsberatung. Die Einordnung eines konkreten Sachverhalts – insbesondere die Frage, ob eine Maßnahme eine Betriebsänderung nach § 111 BetrVG darstellt – hängt von den Umständen des Einzelfalls ab und gehört fachlich geprüft.

FAQ

Häufige Fragen

Wann muss der Betriebsrat bei Büroumbau oder Desk Sharing beteiligt werden?

Nach § 90 BetrVG bereits in der Planungsphase, sobald Arbeitsplätze geplant oder verändert werden – und zwar rechtzeitig genug, dass Vorschläge noch berücksichtigt werden können. Bei Spielregeln kommt § 87 Absatz 1 Nummer 1 hinzu, bei Buchungssystemen Nummer 6.

Ist eine Clean-Desk-Regel mitbestimmungspflichtig?

In der Regel ja. Sie betrifft das Ordnungsverhalten im Betrieb und fällt damit unter § 87 Absatz 1 Nummer 1 BetrVG. Eine ohne Beteiligung eingeführte Regel ist im Zweifel unwirksam – was meist erst beim ersten Konflikt auffällt.

Was ist der Unterschied zwischen Ordnungs- und Arbeitsverhalten?

Ordnungsverhalten betrifft das Zusammenleben im Betrieb und ist nach § 87 Absatz 1 Nummer 1 mitbestimmungspflichtig – etwa eine Clean-Desk-Regel. Arbeitsverhalten betrifft die Ausführung der geschuldeten Arbeit und ist es nicht. Die Grenze ist im Einzelfall nicht immer eindeutig; die Rechtsprechung legt Ordnungsverhalten eher weit aus.

Braucht eine Belegungsmessung eine Betriebsvereinbarung?

Bei technischen Einrichtungen wie Sensorik, Buchungssystemen oder WLAN-Auswertung praktisch immer – § 87 Absatz 1 Nummer 6 greift schon dann, wenn eine Einrichtung objektiv zur Überwachung geeignet ist. Eine manuelle Stichprobenzählung mit Summen je Etage ist keine technische Einrichtung und fällt nicht darunter.

Ist die Einführung von Desk Sharing eine Betriebsänderung?

In der Regel nicht allein deswegen. §§ 111 ff. BetrVG greifen bei Betriebsänderungen mit wesentlichen Nachteilen für die Belegschaft – etwa einer Betriebsverlegung. Wird Desk Sharing zusammen mit einem Umzug in eine andere Region eingeführt, ist die Einordnung im Einzelfall zu prüfen.

Quellen und Regelwerke